Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Die Präzision von Empfehlungsalgorithmen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis analysierbarer Datenpunkte, die Sie aktiv beeinflussen können.

  • Algorithmen benötigen klare „Trainingsdaten“ (Likes, Wiedergabezeit, Suchanfragen), um die Vorlieben eines Nutzers zu erlernen und präzise zu werden.
  • Ohne eine bewusste Steuerung durch den Nutzer besteht die Gefahr von „Filterblasen“, die den Informationshorizont verengen und bestehende Meinungen verstärken.

Empfehlung: Nutzen Sie Ihre durch die DSGVO garantierten Rechte, um Ihre Daten zu kontrollieren, Werbeprofile einzusehen und Algorithmen bewusst zu Ihren Gunsten zu lenken.

Dieses unheimliche Gefühl, wenn eine Streaming-Plattform genau den Film vorschlägt, auf den Sie gerade Lust hatten, oder ein Musikdienst eine Playlist zusammenstellt, die perfekt zu Ihrer Stimmung passt – das ist kein Zufall und keine Magie. Es ist das Ergebnis von maschinellem Lernen, einer Form der künstlichen Intelligenz, die unseren Alltag tiefgreifend und oft unsichtbar prägt. Die gängige Erklärung, dass diese Systeme einfach „alles aufzeichnen, was wir tun“, kratzt nur an der Oberfläche. Dahinter verbirgt sich eine komplexe Welt aus Datenpunkten, Wahrscheinlichkeiten und ausgeklügelten mathematischen Modellen. Ein Algorithmus ist im Kern eine Handlungsanweisung, eine Art Rezept. Das maschinelle Lernen gibt ihm die Fähigkeit, dieses Rezept selbst zu verfeinern, indem es aus riesigen Datenmengen Muster erkennt.

Doch diese „Black Box“ ist nicht undurchdringlich. Als Data Scientist kann ich Ihnen versichern: Sie sind diesen Systemen nicht passiv ausgeliefert. Im Gegenteil, Sie haben mehr Kontrolle, als Sie vielleicht annehmen, insbesondere im regulatorischen Rahmen Deutschlands und der EU. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist nicht nur ein juristisches Dokument, sondern ein mächtiges Werkzeug in den Händen der Nutzer. Zu verstehen, welche Daten als „Hebel“ dienen, wie Algorithmen „trainiert“ werden und wo ihre Grenzen liegen, ist der Schlüssel zur digitalen Souveränität. Es geht darum, vom passiven Konsumenten zum aktiven Kurator der eigenen digitalen Welt zu werden.

Dieser Artikel öffnet die Motorhaube der Empfehlungssysteme. Wir werden untersuchen, warum neue Apps anfangs scheitern, wie Sie Ihren Nachrichtenstrom aktiv gestalten, wie Ihre Kamera lernt und warum Ihr Smartphone manchmal Ihre nächsten Schritte voraussagt. Ziel ist es, Ihnen das Wissen an die Hand zu geben, um diese Technologien nicht nur zu verstehen, sondern sie bewusst für sich zu nutzen.

Warum sind Musik-Empfehlungen bei neuen Apps am Anfang so schlecht?

Jeder kennt es: Man installiert eine neue Musik-App, und die ersten Vorschläge sind eine wilde Mischung aus generischen Charthits und völlig unpassenden Genres. Dieses Phänomen ist in der Datenwissenschaft als das „Kaltstartproblem“ bekannt. Ein Algorithmus ist anfangs „kalt“ – er hat keinerlei Daten über Ihre Vorlieben und kann daher nur raten. Er weiß nicht, ob Sie ein Fan von obskurem Post-Punk aus den 80ern oder von modernem Deutschrap sind. Ohne einen historischen Datensatz Ihrer Hörgewohnheiten, Ihrer erstellten Playlists oder Ihrer „Likes“ ist eine personalisierte Empfehlung unmöglich. Studien zeigen, dass dieses Problem weit verbreitet ist; laut aktuellen Analysen zum maschinellen Lernen erleben fast 95 % der neuen App-Nutzer das Kaltstartproblem in der Anfangsphase.

Um diese anfängliche Leere zu füllen, greifen Plattformen auf nicht-personalisierte Strategien zurück, wie das Vorschlagen von allgemein populären Inhalten. Ihre Aufgabe als Nutzer ist es, dem System so schnell wie möglich klare Signale zu geben. Jede Aktion ist ein wertvoller Datenpunkt für das Training der KI. Ein „Like“, das Hinzufügen eines Songs zu einer Playlist oder das Überspringen eines Titels nach wenigen Sekunden sind explizite Daten-Hebel, die dem Algorithmus mitteilen: „Mehr davon“ oder „Bitte nie wieder“. Ohne dieses aktive Feedback bleibt der Algorithmus im Dunkeln und die Empfehlungen schlecht. Sie sind also der entscheidende Trainer für Ihre persönliche KI.

Ihr Fahrplan: Musikgeschmack DSGVO-konform trainieren

  1. Daten anfordern: Fordern Sie Ihre bisherigen Daten bei Diensten wie Spotify oder Apple Music über die DSGVO-Auskunftsfunktion an (Einstellungen > Datenschutz > Daten herunterladen), um Ihre Muster zu verstehen.
  2. Aktiv bewerten: Geben Sie in den ersten Tagen jedem Song ein klares Feedback (Like/Dislike). Diese expliziten Signale sind das wichtigste Trainingsmaterial für den Algorithmus.
  3. Radio-Funktion nutzen: Starten Sie eine „Radio“-Session basierend auf einem Ihrer absoluten Lieblingssongs. Der Algorithmus sucht dann nach Titeln mit ähnlichen Audio-Merkmalen.
  4. Thematische Playlists erstellen: Bauen Sie kleine, thematisch kohärente Playlists (z. B. „Fokus bei der Arbeit“, „Sonntagmorgen-Kaffee“). Die KI lernt aus diesen Zusammenstellungen kontextuelle Zusammenhänge.
  5. Feedback überprüfen: Kontrollieren Sie nach einiger Zeit erneut Ihre Empfehlungen. Wenn sie sich nicht verbessern, löschen Sie den App-Cache oder geben Sie gezielter Feedback, um den Lernprozess neu zu justieren.

Wie trainieren Sie Ihren News-Feed, um endlich relevante Nachrichten zu sehen?

Ihr Nachrichten-Feed auf sozialen Netzwerken oder in Nachrichten-Apps ist ein Schlachtfeld verschiedener Interessen. Im Gegensatz zur klassischen Zeitungsseite, bei der eine Redaktion die wichtigsten Themen des Tages kuratiert, kämpfen hier unzählige Inhalte um Ihre Aufmerksamkeit. Die Personalisierung erfolgt durch eine algorithmische Kuratierung, die versucht, die für Sie relevantesten Inhalte vorherzusagen. Doch „relevant“ kann vieles bedeuten: Inhalte, mit denen Sie am ehesten interagieren (Likes, Kommentare), Inhalte von Freunden, mit denen Sie oft kommunizieren, oder schlicht bezahlte Werbung. Um relevante Nachrichten zu sehen, müssen Sie dem Algorithmus beibringen, was für Sie Priorität hat.

Der erste Schritt besteht darin, die Quellen, denen Sie vertrauen, aktiv zu abonnieren und deren Beiträge zu lesen. Verweilen Sie länger bei Artikeln von hochwertigen Medien und ignorieren oder verbergen Sie bewusst Inhalte von Quellen, die Sie als minderwertig oder irrelevant erachten. Diese Verweildauer ist ein starkes implizites Signal. In Deutschland gibt es zudem eine interessante Mischung aus Ansätzen zur Personalisierung, die von rein algorithmisch bis stark redaktionell geprägt reicht. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) spielt hier ebenfalls eine Rolle, da es Plattformen dazu verpflichtet, strafbare Inhalte zu entfernen, was die Kriterien für die Sichtbarkeit von Inhalten beeinflussen kann. Eine Analyse von Medienbeiträgen zur Bundestagswahl 2017 durch den Bundestag zeigte, wie stark die Berichterstattung zu solchen regulatorischen Themen ansteigt und die öffentliche Debatte prägt.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer Analyse deutscher Medienplattformen, zeigt die unterschiedlichen Strategien und den Grad der Nutzerkontrolle.

Personalisierungsansätze deutscher vs. internationaler Medien
Plattform Personalisierungsansatz Transparenz Nutzer-Kontrolle
Spiegel Online Redaktionelle Kuration + Algorithmus Mittel Themen-Präferenzen
Facebook News Vollautomatischer Algorithmus Niedrig Nur Quellen blockieren
Joyn Mitarbeiter-Kuration dominant Hoch Genre-Auswahl
Zeit Online Hybrid-Modell Mittel Newsletter-Personalisierung

Verpassen Sie wichtige Updates von Freunden, weil der Algorithmus Werbung bevorzugt?

Das frustrierende Gefühl, ein wichtiges Lebensereignis eines Freundes – eine Verlobung, ein neuer Job – auf sozialen Netzwerken verpasst zu haben, nur um stattdessen die zehnte Anzeige für ein Produkt zu sehen, das man sich einmal angesehen hat, ist ein direktes Resultat algorithmischer Priorisierung. Soziale Netzwerke sind keine gemeinnützigen Organisationen; ihr Geschäftsmodell basiert auf der Maximierung der Nutzerbindung, um möglichst viele zielgerichtete Werbeanzeigen auszuspielen. Der Algorithmus ist daher darauf optimiert, Inhalte zu bevorzugen, die eine hohe Interaktionswahrscheinlichkeit haben (Likes, Kommentare, Shares), da diese Interaktionen signalisieren, dass Sie aktiv auf der Plattform sind.

Ein stilles, aber wichtiges Update eines Freundes hat oft eine geringere vorhergesagte Interaktionsrate als ein kontroverser Nachrichtenartikel oder ein virales Video. Folglich wird es im Feed nach unten sortiert. Die organische Reichweite von persönlichen Beiträgen sinkt, während die Sichtbarkeit von bezahlten Inhalten und viralen Posts steigt. Es ist ein ständiger Kampf zwischen kommerziellen Interessen und persönlicher Relevanz, bei dem der Nutzer oft den Kürzeren zieht.

Metaphorische Darstellung der algorithmischen Priorisierung in sozialen Netzwerken, bei der eine Waage zugunsten von Werbung ausschlägt.

Doch auch hier sind Sie nicht machtlos. Die meisten Plattformen bieten Funktionen an, um bestimmte Personen oder Seiten als „Favoriten“ zu markieren, deren Beiträge dann priorisiert angezeigt werden. Noch wichtiger ist die Nutzung der durch die DSGVO garantierten Rechte. Sie können bei Plattformen wie Facebook Ihre Werbepräferenzen einsehen und die Kategorien, die Ihnen zugeordnet wurden, überprüfen und anpassen. So können Sie zumindest die Relevanz der Werbung steuern und dem Algorithmus signalisieren, welche Freunde Ihnen wichtiger sind als kommerzielle Inhalte. Die bewusste Interaktion mit den Beiträgen Ihrer wichtigsten Kontakte ist ebenfalls ein starker Daten-Hebel, um deren Sichtbarkeit in Ihrem Feed zu erhöhen.

Wie merken Sie, dass Ihr Handy Ihnen nur noch Meinungen zeigt, die Sie eh schon haben?

Wenn Ihr News-Feed zu einer Echokammer wird, in der jede Nachricht Ihre bestehende Weltanschauung bestätigt und Gegenargumente kaum noch sichtbar sind, befinden Sie sich in einer „Filterblase“. Dieses Phänomen entsteht, weil der Algorithmus gelernt hat, welche Inhalte Sie mögen und mit welchen Sie interagieren. Um Sie auf der Plattform zu halten, zeigt er Ihnen mehr von dem, was in der Vergangenheit funktioniert hat. Das kann zu einer gefährlichen Verengung des eigenen Horizonts führen und den Eindruck erwecken, die eigene Meinung sei der gesellschaftliche Konsens. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags warnt treffend: „Auf sozialen Medien bekommen die Nutzer einen verzerrten Eindruck vom Meinungsklima, weil weder die Nutzerschaft generell noch die an dortigen Diskussionen beteiligten Nutzer repräsentativ für die Gesamtgesellschaft sind.“

Ein Anzeichen für eine Filterblase ist, wenn Sie überrascht sind, dass Menschen in Ihrem realen Umfeld eine völlig andere Meinung zu einem Thema haben, das in Ihrer digitalen Welt eindeutig schien. Studien untermauern diesen Effekt: Eine Untersuchung der Universität Ulm mit über 1600 Probanden ergab, dass Wähler der AfD die niedrigste Anzahl an konsumierten Nachrichtenquellen angeben und gleichzeitig die höchsten Werte bei autoritären Einstellungen zeigen, was auf eine starke Filterung hindeutet. Interessanterweise ist der Effekt aber nicht immer so extrem, wie oft angenommen. Eine Studie zur Bundestagswahl 2017, die Suchergebnisse analysierte, fand heraus, dass die Personalisierung geringer als erwartet war. Im Schnitt waren 7-8 von 9 Suchergebnissen bei verschiedenen Nutzern identisch, was zeigt, dass zumindest bei Suchmaschinen noch eine gemeinsame Informationsbasis existiert.

Um aus einer Filterblase auszubrechen, müssen Sie den Algorithmus gezielt „verwirren“. Folgen Sie bewusst Personen, Medien oder Gruppen, die eine andere Perspektive vertreten. Suchen Sie aktiv nach Gegenargumenten und interagieren Sie mit diesen Inhalten. Nutzen Sie verschiedene Nachrichten-Apps und Suchmaschinen, um Informationsmonokulturen zu vermeiden. Es erfordert eine bewusste Anstrengung, die eigene digitale Diät vielfältig zu gestalten und die algorithmische Komfortzone zu verlassen.

Wie die Kamera lernt, welches Lächeln Ihr „Bestes“ ist?

Moderne Smartphone-Kameras tun weit mehr, als nur Licht einzufangen. Wenn Sie eine Funktion wie „Bestes Foto“ oder einen Porträtmodus verwenden, der automatisch aus einer Serie von Aufnahmen das gelungenste auswählt, arbeitet im Hintergrund eine hochentwickelte KI. Diese KI wurde mit Millionen von Bildern trainiert, um zu lernen, was ein „gutes“ Foto ausmacht: offene Augen, ein symmetrisches Lächeln, eine vorteilhafte Kopfhaltung. Der Algorithmus zerlegt Ihr Gesicht in hunderte von Messpunkten, sogenannte „Facial Landmarks“. Er analysiert den Abstand zwischen den Augen, die Krümmung der Lippen und die Position der Augenbrauen.

Dieser Prozess erzeugt einen einzigartigen biometrischen Fingerabdruck Ihres Gesichts für jeden spezifischen Ausdruck. Wenn die Kamera nun eine Serie von Fotos schießt, vergleicht sie jedes einzelne Bild mit ihrem gelernten Idealmodell eines „perfekten Lächelns“ und wählt dasjenige aus, das die höchste Übereinstimmung aufweist. Es ist ein datengesteuerter Schönheitswettbewerb, der in Millisekunden abläuft. Das System lernt dabei auch von Ihren eigenen Entscheidungen: Wenn Sie wiederholt ein bestimmtes Bild aus der Serie manuell auswählen, passt der Algorithmus sein internes Modell an Ihre persönlichen Vorlieben an.

Makroaufnahme von Gesichtskonturen mit abstrakten Lichtmustern, die biometrische Datenpunkte symbolisieren.

Diese Technologie wirft wichtige Datenschutzfragen auf. Nach Artikel 9 der DSGVO gelten solche Gesichtsmerkmale als besonders schützenswerte biometrische Daten. Die Verarbeitung und Speicherung erfordern daher eine explizite Einwilligung. Während einige Hersteller wie Apple diese Daten verschlüsselt und ausschließlich lokal auf dem Gerät im sogenannten „Secure Enclave“ speichern, nutzen andere Anbieter Cloud-Lösungen, was potenziell größere Risiken birgt. Als Nutzer haben Sie das Recht auf Löschung dieser Daten und können der Verarbeitung widersprechen – ein wichtiger Aspekt der digitalen Selbstbestimmung im Zeitalter der Gesichtserkennung.

Welcher Prozessor verbessert Ihre Fotos wirklich automatisch ohne Filter?

Die beeindruckende Qualität moderner Smartphone-Fotos ist oft weniger das Ergebnis der Linse als vielmehr der Rechenleistung des Prozessors. Die sogenannte „Computational Photography“ nutzt maschinelles Lernen, um Bilder in Echtzeit zu optimieren, lange bevor Sie überhaupt einen Filter anwenden. Wenn Sie den Auslöser drücken, nimmt das Handy oft nicht nur ein, sondern eine ganze Serie von Bildern mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen auf. Eine spezialisierte Einheit im Prozessor, oft als „Neural Processing Unit“ (NPU) oder „AI Engine“ bezeichnet, analysiert diese Aufnahmen sofort.

Diese NPU führt komplexe Aufgaben aus: Sie reduziert das Bildrauschen in dunklen Bereichen, verbessert die Details in hellen Zonen (HDR-Effekt), erkennt und schärft Gesichter und sorgt für natürliche Hauttöne. All dies geschieht durch neuronale Netze, die auf Millionen von Referenzbildern trainiert wurden. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wo diese Verarbeitung stattfindet: direkt auf dem Gerät (On-Device KI) oder in der Cloud. Deutsche Unternehmen wie Infineon entwickeln spezialisierte KI-Prozessoren, die diese komplexe Bildverarbeitung lokal ermöglichen. Dies entspricht den Empfehlungen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) für mobile Sicherheit, da sensible Bilddaten das Gerät nie verlassen.

Die Wahl zwischen On-Device- und Cloud-KI ist ein fundamentaler Kompromiss zwischen Datenschutz, Geschwindigkeit und Rechenleistung. Die folgende Tabelle verdeutlicht die wichtigsten Unterschiede:

On-Device vs. Cloud-KI bei der Bildverarbeitung
Merkmal On-Device KI Cloud-KI
Datenschutz Sehr hoch (Daten bleiben lokal) Niedrig (Datenübertragung nötig)
Geschwindigkeit Sofort Abhängig von Internetverbindung
Rechenleistung Begrenzt durch Chip Nahezu unbegrenzt
Offline-Nutzung Vollständig möglich Nicht möglich
BSI-Konformität Empfohlen Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nötig

Verlieren wir die Fähigkeit zu schreiben, wenn die KI jede E-Mail formuliert?

KI-gestützte Schreibassistenten, die E-Mails vervollständigen, Texte zusammenfassen oder ganze Absätze formulieren, werden immer alltäglicher. Sie versprechen eine enorme Effizienzsteigerung, werfen aber auch eine grundlegende Frage auf: Verlieren wir unsere eigene Schreibkompetenz, wenn wir die Denkarbeit an eine Maschine delegieren? Die Sorge ist nicht unbegründet. Sprache ist mehr als nur die Aneinanderreihung von Wörtern; sie ist ein Ausdruck von Persönlichkeit, Nuancen und sozialem Kontext. Eine KI kann zwar einen grammatikalisch korrekten und formal angemessenen Text erzeugen, doch oft fehlt die menschliche Note – die persönliche Tonalität, der Witz oder die Empathie, die eine Kundenbeziehung oder eine kollegiale Interaktion ausmachen.

Diese Befürchtung wird auch im deutschen Mittelstand geteilt. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom befürchten 73 % der deutschen Mittelständler einen Verlust der persönlichen Note im Kundenkontakt durch den Einsatz von KI. Insbesondere die deutsche Sprache stellt KI-Systeme vor besondere Herausforderungen, die die Grenzen der Automatisierung aufzeigen. Wie Prof. Dr. Wolfgang Klein vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik treffend bemerkte:

Die deutsche Sprache mit ihrer Unterscheidung zwischen ‚Sie‘ und ‚du‘ stellt KI-Schreibassistenten vor besondere Herausforderungen, die zeigen, dass menschliche Sprachkompetenz unersetzlich bleibt.

– Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für Psycholinguistik

Die Wahl der richtigen Anredeform hängt von der Beziehung, der Hierarchie und der Unternehmenskultur ab – ein soziales Minenfeld, das eine KI nur schwer navigieren kann. Anstatt die Fähigkeit zu schreiben gänzlich zu verlieren, verschiebt sich die Anforderung: Die Kernkompetenz der Zukunft liegt nicht mehr im reinen Formulieren, sondern im kritischen Redigieren und Kuratieren von KI-generierten Vorschlägen. Es geht darum, die Effizienz der Maschine zu nutzen, ohne die eigene Stimme und das menschliche Urteilsvermögen aufzugeben. Die KI wird zum Assistenten, nicht zum Autor.

Das Wichtigste in Kürze

  • Algorithmen sind keine Magie, sondern lernende Systeme, die auf klare und konsistente Trainingsdaten (Ihre Interaktionen) angewiesen sind.
  • Ihre aktiven Entscheidungen – Likes, Verweildauer, bewusste Auswahl von Quellen – sind der stärkste Hebel, um die Ergebnisse von Algorithmen zu steuern.
  • Gesetze wie die DSGVO sind mächtige Werkzeuge, die Ihnen das Recht geben, Ihre Daten einzusehen, zu korrigieren und so Ihre digitale Souveränität zu wahren.

Kontextbezogene Vorschläge: Warum schlägt Ihr Handy die Navigations-App vor, sobald Sie ins Auto steigen?

Die vielleicht subtilste und zugleich eindrücklichste Form des maschinellen Lernens im Alltag sind kontextbezogene Vorschläge. Ihr Smartphone wird zum stillen Begleiter, der Ihre Routinen lernt und Ihre Bedürfnisse antizipiert. Es schlägt Ihnen die Navigations-App mit dem Ziel „Arbeit“ vor, wenn Sie morgens ins Auto steigen, weil es gelernt hat, dass Sie dies von Montag bis Freitag tun. Es verbindet sich automatisch mit dem Bluetooth-Lautsprecher im Badezimmer, wenn Sie eine bestimmte Playlist starten. Diese antizipatorische Intelligenz basiert auf der Analyse von Sensordaten: GPS-Standort, Beschleunigungssensoren (die eine Autofahrt erkennen), WLAN-Netzwerke, Tageszeit und Ihre bisherigen App-Nutzungsmuster.

Der Algorithmus erstellt ein Verhaltensprofil und berechnet Wahrscheinlichkeiten für Ihre nächsten Aktionen. Diese Funktion ist zwar äußerst praktisch, stellt aber auch den tiefsten Eingriff in unsere Privatsphäre dar, da sie auf einer permanenten Überwachung von Standort- und Verhaltensdaten beruht. Gerade im beruflichen Kontext ist dies in Deutschland rechtlich heikel. Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass eine permanente Standortüberwachung von Firmenhandys ohne konkreten Verdacht eine unzulässige Arbeitnehmerüberwachung darstellt und gegen das Persönlichkeitsrecht verstößt. Unternehmen sind verpflichtet, solche Funktionen außerhalb der Arbeitszeit zu deaktivieren oder dem Arbeitnehmer die Kontrolle darüber zu überlassen.

Als Nutzer haben Sie die volle Kontrolle über diese Daten. Sowohl bei Google als auch bei Apple können Sie den Standortverlauf einsehen, bearbeiten und die automatische Löschung nach einem bestimmten Zeitraum (z. B. 3 Monate) aktivieren. Es ist entscheidend, diese Einstellungen zu kennen und bewusst zu verwalten, um die Vorteile der kontextbezogenen Vorschläge zu genießen, ohne die Kontrolle über die eigenen Bewegungs- und Verhaltensprofile zu verlieren. Die folgenden Schritte helfen Ihnen dabei.

Ihr Fahrplan: Standortverlauf bei Google/Apple kontrollieren und löschen

  1. Standortverlauf aufrufen: Bei Google öffnen Sie myactivity.google.com und wählen den „Standortverlauf“. Bei Apple finden Sie dies unter Einstellungen > Datenschutz & Sicherheit > Ortungsdienste > Systemdienste > Wichtige Orte.
  2. Automatisches Löschen aktivieren: Richten Sie in den Einstellungen des Standortverlaufs ein, dass Ihre Daten automatisch nach 3 oder 18 Monaten gelöscht werden, um die Datensammlung zu begrenzen.
  3. Ortsbasierte Vorschläge deaktivieren: In den Systemeinstellungen Ihres Smartphones können Sie gezielt die Berechtigung für „Ortsbasierte Vorschläge“ oder „Standortabhängige Hinweise“ entziehen.
  4. Aktivitäten überprüfen: Sehen Sie sich Ihren Verlauf an und löschen Sie manuell einzelne Einträge, die Sie nicht gespeichert haben möchten.
  5. Recht auf Vergessenwerden nutzen: Für besonders sensible, alte Daten können Sie sich auf Artikel 17 der DSGVO berufen und eine vollständige Löschung bei den Anbietern beantragen.

Beginnen Sie noch heute damit, diese Werkzeuge und Einstellungen zu nutzen, um Ihre digitale Umgebung bewusst zu gestalten. Indem Sie verstehen, wie die Algorithmen lernen, und ihnen aktiv Feedback geben, verwandeln Sie die Black Box in ein transparentes Werkzeug und gewinnen die Kontrolle über Ihr digitales Ich zurück.

Häufig gestellte Fragen zu maschinellem Lernen und Datenschutz

Gelten Lächeln-Profile als biometrische Daten unter der DSGVO?

Ja, Gesichtsmerkmale und deren computergestützte Analyse fallen unter den Begriff der biometrischen Daten gemäß Artikel 9 DSGVO. Sie genießen einen besonderen Schutz, und ihre Verarbeitung ist grundsätzlich nur mit ausdrücklicher Einwilligung des Nutzers erlaubt.

Kann ich die Speicherung meiner Gesichtsdaten verhindern?

Ja. Sie haben das Recht, der Verarbeitung Ihrer biometrischen Daten zu widersprechen und deren Löschung zu verlangen (Recht auf Löschung gemäß Art. 17 DSGVO). Sie können dies in den Datenschutzeinstellungen Ihres Geräts oder direkt beim Hersteller beantragen.

Wo werden diese Daten gespeichert – lokal oder in der Cloud?

Das hängt stark vom Hersteller ab. Apple speichert Face-ID-Daten beispielsweise stark verschlüsselt und ausschließlich lokal auf dem Gerät in einem speziellen Sicherheitschip (Secure Enclave). Andere Anbieter könnten Cloud-Lösungen nutzen, was eine Übertragung Ihrer Daten an Server erfordert und andere Datenschutzimplikationen hat.

Geschrieben von Richter Dr. Jonas, Fachanwalt für IT-Recht und zertifizierter Datenschutzbeauftragter (TÜV) mit Spezialisierung auf mobile Sicherheit und DSGVO-Compliance. Er schützt digitale Identitäten und Unternehmensdaten vor Cyberkriminalität.